Wenn Schule und Softwarebranche zusammenkommen
„Coding is largely solved“ lassen KI-Unternehmen wie Anthropic verlauten. Programmieren ist also ein Problem, das Maschinen lösen können. Kein Wunder, dass junge Menschen sich fragen, ob das Berufsbild Fachinformatiker:in noch eine sichere Zukunftsperspektive bietet. Und wie lässt sich ein Unterricht gestalten, der die Auszubildenden auf diese neue IT-Arbeitswelt vorbereitet?
Am 25. Juni 2026 fand dazu an der it.schule Stuttgart die Veranstaltung „Code & Classroom” statt. IT-Lehrkräfte trafen auf Fachleute aus der Softwarebranche, um zu diskutieren, wie KI die Softwareentwicklung verändert und was das für die Ausbildung bedeutet. Die Leitung hatten Maciej Garpiel (Kaufmännische Schule Stuttgart Nord) und David Link (it. schule).

Von der Idee zum Produkt
Zu Beginn gab Alina Ridder (Hallesche Krankenversicherung) einen Einblick in die Praxis moderner Softwareentwicklung. Laut ihr ist Softwareentwicklung heute mehr als Programmieren: Aus Ideen entstehen digitale Produkte nur im Zusammenspiel verschiedener Rollen und agiler Arbeitsweisen. Zugleich gibt es diverse Beschränkungen wie die Regularien in einem Versicherungsnehmen oder schlicht die Kosten für KI-Nutzung, die den „Human in the Loop“ auch weiterhin unabdingbar machen.
Vom Handwerker zum Architekten
Nach der Mittagspause ordnete Christian Schilling (basecom, Head of AI Transformation) die obige These „Coding is largely solved” ein. Anhand von Daten zeigte er, warum die KI-Entwicklung derzeit so schnell verläuft: Die Rechenleistung führender KI-Supercomputer verdopple sich etwa alle neun Monate, die global verfügbare Kapazität alle sieben Monate. Moderne Modelle können inzwischen tatsächlich einen großen Teil realer Coding-Aufgaben lösen.
Entwicklerinnen und Entwickler werden dadurch nicht überflüssig, aber ihre Rolle verändert sich: Vom Handwerker, der Code schreibt, zum Architekten, der Systeme versteht, beurteilt und verantwortet. Entscheidend sei nun weniger das Schreiben als das Lesen von Code und das klare Kommunizieren von Zielen. IT-Fachkräfte brauchen nun zunehmend breite Profile mit Tiefe in mehreren Bereichen statt reiner Spezialisierung. Mit dem gestiegenen Bedarf nach „beratungssicherem Deutsch“ rücken auch die allgemeinbildenden Fächer im Stundenplan wieder in den Fokus. „Code wird günstig. Urteil wird wertvoll“, fasste er die aktuelle Lage insgesamt zusammen.
Vom Azubi zum Ausbilder
Zum Schluss gaben Felix Niederhaus und Martin von Petzinger Einblick in die Ausbildungspraxis. Sie arbeiten bei der AEB SE, einem Stuttgarter Cloud-Unternehmen mit rund 800 Mitarbeitenden. Beide haben vor wenigen Jahren noch selbst als Azubis die Schulbank gedrückt. Mittlerweile sind sie IT-Ausbilder und IHK-Prüfer. Sie erläuterten den Aufbau der IT-Organisation, die Unterschiede zwischen Ausbildung und Umschulung sowie den Ablauf einer IHK-Prüfung. Auch bei ihnen durfte die Einschätzung zum Stellenwert von KI-Tools in der Ausbildung natürlich nicht fehlen. Alles, was Auszubildende hier mithilfe von Chatbots und Code-Agenten erstellen, müssen sie auch selbst erklären können.
Zwischen den Vorträgen dienten drei Transfer-Runden dazu, die Impulse aus den Betrieben an Bildungsplan und Unterricht anzuschließen. Was „Code & Classroom” so leistete, war ein wertvoller Perspektivwechsel, der zum Glück auch für die kommenden Jahre geplant ist.
Übrigens: Der „Global AI Diffusion report“ von Microsoft zeigte erst kürzlich, dass in den USA heute mehr Menschen als Softwareentwickler:in beschäftigt sind als je zuvor. Dies passt zur Erkenntnis aus der Veranstaltung, dass es jene auch hierzulande durchaus noch braucht. Aber die Rolle verändert sich – und genau darauf sollten Lehrkräfte junge Menschen in Zukunft vorbereiten.
sb
